Woher die Zahlen kommen
Die wichtigste Quelle für Fehlzeiten in Deutschland sind die Daten der Krankenkassen. Dieser Beitrag stützt sich vor allem auf den Fehlzeiten-Report 2025 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Er wertet die Krankschreibungen von rund 15 Millionen erwerbstätigen AOK-Mitgliedern für das Jahr 2024 aus.[1]
Je nach Quelle unterscheiden sich die Werte, weil Kassen Kalendertage zählen, andere Statistiken nur Arbeitstage, und weil kurze Erkrankungen ohne ärztliche Bescheinigung in Krankenkassendaten fehlen. Die Größenordnung und die Entwicklung stimmen aber überein.
Der Krankenstand ist gestiegen
Über viele Jahre lag der Krankenstand ziemlich stabil um 5,3 %. 2022 sprang er auf 6,7 % und ist seitdem kaum gesunken. Das WIdO führt den Anstieg der Atemwegserkrankungen 2022 auf die Corona-Pandemie zurück und ab 2023 auch auf die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, durch die Krankschreibungen vollständiger bei den Kassen ankommen.[1]
Krankenstand in %
| Jahr | Krankenstand |
|---|---|
| 2014 | 5,2 % |
| 2015 | 5,3 % |
| 2016 | 5,3 % |
| 2017 | 5,3 % |
| 2018 | 5,5 % |
| 2019 | 5,4 % |
| 2020 | 5,4 % |
| 2021 | 5,4 % |
| 2022 | 6,7 % |
| 2023 | 6,6 % |
| 2024 | 6,5 % |
Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025, Abb. 24.2 [1] – eigene Darstellung.
Ein Krankenstand von 6,5 % heißt: An einem durchschnittlichen Tag waren 6,5 von 100 Beschäftigten krankgeschrieben. Auf das Jahr gerechnet waren AOK-versicherte Beschäftigte im Schnitt 23,9 Kalendertage arbeitsunfähig, und knapp zwei Drittel (63,6 %) hatten mindestens eine Krankschreibung.[1]
Welche Erkrankungen die meisten Fehltage verursachen
Sechs Krankheitsarten bestimmen das Bild. An der Spitze stehen Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, also vor allem Rücken, Nacken, Schultern und Gelenke.
-
Muskel-Skelett
19,8 %
-
Atemwege
15,1 %
-
Psyche
12,5 %
-
Verletzungen
9,3 %
-
Herz-Kreislauf
4,5 %
-
Verdauung
3,9 %
-
Sonstige
34,9 %
Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025, Abb. 24.25 [1] – eigene Darstellung.
Häufigkeit und Dauer sind dabei zwei verschiedene Dinge. Atemwegserkrankungen führen zu den meisten Krankschreibungen, im Schnitt aber nur zu knapp sechs Tagen Ausfall. Psychische Erkrankungen sind seltener, dauern aber fast fünfmal so lang.
-
Psyche
28,5 Tage
-
Verletzungen
19,2 Tage
-
Herz-Kreislauf
18,3 Tage
-
Muskel-Skelett
15,7 Tage
-
Verdauung
6,6 Tage
-
Atemwege
5,9 Tage
Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025, Abb. 24.28 [1] – eigene Darstellung.
Wenige lange Fälle, viele Fehltage
Die meisten Krankschreibungen sind kurz: 37,2 % dauern nur ein bis drei Tage. Für den Krankenstand spielen sie aber eine kleine Rolle. Den Ausschlag geben die langen Fälle.
- Anteil an den Krankschreibungen
- Anteil an den Fehltagen
-
1–3 Tage
Anteil an den Krankschreibungen: 37,2 %Anteil an den Fehltagen: 7,1 %
-
4–7 Tage
Anteil an den Krankschreibungen: 33,6 %Anteil an den Fehltagen: 16,1 %
-
8–14 Tage
Anteil an den Krankschreibungen: 16,5 %Anteil an den Fehltagen: 16,2 %
-
15–21 Tage
Anteil an den Krankschreibungen: 4,8 %Anteil an den Fehltagen: 7,9 %
-
22–28 Tage
Anteil an den Krankschreibungen: 2,2 %Anteil an den Fehltagen: 5,2 %
-
29–42 Tage
Anteil an den Krankschreibungen: 2,3 %Anteil an den Fehltagen: 7,6 %
-
mehr als 6 Wochen
Anteil an den Krankschreibungen: 3,3 %Anteil an den Fehltagen: 39,9 %
Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025, Abb. 24.5 [1] – eigene Darstellung.
Für Betriebe ist das eine wichtige Erkenntnis. Wer Fehlzeiten senken will, gewinnt am meisten, wenn lange Ausfälle verhindert oder verkürzt werden. Das ist der Bereich des betrieblichen Eingliederungsmanagements, das genau ab sechs Wochen Arbeitsunfähigkeit greift. Und es ist der Bereich, in dem Muskel-Skelett-Erkrankungen und psychische Erkrankungen dominieren.
Was Arbeitsunfähigkeit kostet
Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin schätzt jedes Jahr, was Arbeitsunfähigkeit volkswirtschaftlich kostet. Für 2024 rechnet sie mit durchschnittlich 20,8 Arbeitsunfähigkeitstagen je Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer.[2]
- Arbeitsunfähigkeitstage je Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer im Durchschnitt
- 20,8
- Arbeitsunfähigkeitstage insgesamt
- 881,5 Mio.
- Produktionsausfall, berechnet über die ausgefallenen Lohnkosten
- 134 Mrd. €
- Ausfall an Bruttowertschöpfung
- 227 Mrd. €
Quelle: BAuA, Kosten der Arbeitsunfähigkeit 2024 [2] – eigene Darstellung.
Für einen einzelnen Betrieb sind diese Summen abstrakt. Greifbarer ist die Rechnung im eigenen Haus: Jeder Fehltag bedeutet Lohnfortzahlung, Vertretung, Überstunden im Team und manchmal verschobene Aufträge.
Was Betriebe daraus ableiten können
- Eigene Zahlen anschauen: Viele Krankenkassen erstellen für Betriebe ab einer bestimmten Größe anonymisierte Gesundheitsberichte. Sie zeigen, welche Krankheitsarten im eigenen Haus dominieren.
- Bei Muskel-Skelett-Erkrankungen ansetzen: Sie verursachen die meisten Fehltage und lassen sich durch Ergonomie und Bewegung gut beeinflussen. Mehr dazu im Beitrag Rückengesundheit.
- Psychische Belastung ernst nehmen: Sie führt zu den längsten Ausfällen. Mehr dazu im Beitrag Psychische Gesundheit.
- Lange Fälle früh begleiten: Ein gut gemachtes BEM ist eines der wirksamsten Mittel gegen lange Ausfälle.
Quellen
- [1] Schenkel, A.; Meyer, M.; Düring, A.; Baumgardt, J. (2025): Krankheitsbedingte Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2024. In: Badura, B. et al. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2025. Berlin, Heidelberg: Springer. Datenbasis: rund 15 Mio. erwerbstätige AOK-Mitglieder. https://doi.org/10.1007/978-3-662-71885-8_24
- [2] Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Volkswirtschaftliche Kosten durch Arbeitsunfähigkeit. Schätzung für das Jahr 2024. Dortmund. https://www.baua.de/DE/Themen/Monitoring-Evaluation/Zahlen-Daten-Fakten/Kosten-der-Arbeitsunfaehigkeit.html
Alle Grafiken sind eigene Darstellungen auf Basis der jeweils genannten Quelle. Werte sind gerundet wie in der Originalquelle angegeben.