Was Muskel-Skelett-Erkrankungen sind
Unter Muskel-Skelett-Erkrankungen (MSE) fasst man Beschwerden und Erkrankungen von Muskeln, Sehnen, Gelenken, Bandscheiben und Knochen zusammen. Im Arbeitsalltag sind das vor allem unspezifische Rückenschmerzen, Nacken- und Schulterbeschwerden, Bandscheibenschäden und Probleme mit Knie oder Hüfte.
Sie führen seltener zu einer Krankschreibung als Erkältungen, dafür dauern die Ausfälle deutlich länger. 2024 gingen 13,7 % aller Krankschreibungen, aber 19,8 % aller Fehltage auf MSE zurück. Auf jedes AOK-Mitglied entfielen im Schnitt 6,3 Fehltage wegen Muskel-Skelett-Erkrankungen, mehr als bei jeder anderen Krankheitsart.[1]
Der Rücken steht an erster Stelle
Schaut man auf einzelne Diagnosen, sticht eine heraus: Rückenschmerzen (ICD-10 M54) stehen für 5,6 % aller Krankschreibungen und ebenso viele Fehltage. Nur akute Infekte der oberen Atemwege kommen häufiger vor.[1]
-
Rückenschmerzen (M54)
5,6 %
-
Bandscheibenschäden (M51)
1,6 %
-
Gelenkkrankheiten (M25)
1,6 %
-
Schulterläsionen (M75)
1,5 %
-
Weichteilgewebe (M79)
1,0 %
-
Sehnenansätze (M77)
0,7 %
-
Funktionsstörungen (M99)
0,6 %
Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025, Tab. 24.8 [1] – eigene Darstellung. Berücksichtigt sind die Muskel-Skelett-Diagnosen unter den 40 häufigsten Einzeldiagnosen.
Mit dem Alter wird der Rücken zum Hauptthema
Jüngere Beschäftigte fallen öfter wegen Infekten und Verletzungen aus. Mit jedem Lebensjahrzehnt wächst dagegen der Anteil der Muskel-Skelett-Erkrankungen. Bei den 60- bis 64-Jährigen gehen fast ein Viertel aller Fehltage (24,2 %) darauf zurück.[1]
-
15–19 Jahre
160
-
20–24 Jahre
255
-
25–29 Jahre
310
-
30–34 Jahre
355
-
35–39 Jahre
422
-
40–44 Jahre
514
-
45–49 Jahre
642
-
50–54 Jahre
814
-
55–59 Jahre
1.019
-
60–64 Jahre
1.480
Quelle: WIdO, Fehlzeiten-Report 2025, Abb. 24.31 [1] – eigene Darstellung.
Für Betriebe mit älter werdenden Belegschaften ist das eine klare Botschaft: Rückengesundheit wird in den nächsten Jahren wichtiger, nicht unwichtiger. Am meisten erreicht man, wenn man früh anfängt, also lange bevor aus gelegentlichen Beschwerden lange Ausfälle werden.
Was am Arbeitsplatz belastet
Rückenschmerzen haben selten nur eine Ursache. Am Arbeitsplatz kommen typischerweise diese Faktoren zusammen:
- Langes Sitzen und Bewegungsmangel im Büro, am Steuer oder an der Maschine.
- Heben, Tragen, Ziehen und Schieben von Lasten, besonders mit verdrehtem Oberkörper.
- Zwangshaltungen wie gebücktes, kniendes oder Über-Kopf-Arbeiten.
- Gleichförmige, sich wiederholende Bewegungen über viele Stunden.
- Ganzkörperschwingungen beim Fahren von Staplern, Baumaschinen oder Lkw.
- Zeitdruck und Stress, die sich als Muskelanspannung in Nacken und Schultern bemerkbar machen.
Besonders betroffen sind körperlich arbeitende Branchen. Im Baugewerbe gehen 25 % aller Fehltage auf Muskel-Skelett-Erkrankungen zurück.[1] Aber auch im Büro sind sie ein großes Thema, weil dort die Bewegung fehlt.
Was im Betrieb wirklich hilft
Das Arbeitsschutzgesetz gibt eine Reihenfolge vor: Zuerst wird die Arbeit selbst verbessert, dann ihre Organisation, und erst danach setzen Maßnahmen bei der einzelnen Person an.[2] Für die Rückengesundheit heißt das:
-
T
Technisch
Den Arbeitsplatz anpassen
- Steh-Sitz-Tische und einstellbare Stühle
- Hebehilfen, Rollwagen, Arbeitshöhen
- Bildschirm, Licht und Eingabegeräte
-
O
Organisatorisch
Die Arbeit anders verteilen
- Wechsel zwischen Sitzen, Stehen und Gehen
- Kurze Bewegungspausen einplanen
- Belastende Tätigkeiten rotieren
-
P
Personenbezogen
Wissen und Fähigkeiten stärken
- Stuhl und Tisch richtig einstellen
- Kräftigungs- und Mobilisationsübungen
- Rückensprechstunde bei ersten Beschwerden
Quelle: §§ 3–5 ArbSchG, § 4 [2] – eigene Darstellung.
Bewegung ist das wichtigste Mittel
Bei unspezifischen Kreuzschmerzen empfiehlt die Nationale VersorgungsLeitlinie, körperlich aktiv zu bleiben, und rät von Bettruhe ab.[3] Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt Erwachsenen 150 bis 300 Minuten moderate Bewegung pro Woche, Krafttraining an mindestens zwei Tagen und möglichst wenig ununterbrochenes Sitzen.[4]
Im Arbeitsalltag zählt deshalb jede Unterbrechung des Sitzens. Kurze, regelmäßige Übungen haben den Vorteil, dass sie ohne Umziehen und ohne Geräte funktionieren und schnell zur Gewohnheit werden.
Früh reagieren statt lange ausfallen
Viele lange Ausfälle beginnen mit Beschwerden, die wochenlang ignoriert werden. Eine Rückensprechstunde im Betrieb senkt die Hürde, sich früh Rat zu holen. Eine Arbeitsplatzbegehung zeigt, wo Stühle, Tische, Bildschirme oder Arbeitsabläufe die Beschwerden mitverursachen. Und Übungsvideos, die Beschäftigte regelmäßig per E-Mail erreichen, helfen dabei, dranzubleiben.
Quellen
- [1] Schenkel, A.; Meyer, M.; Düring, A.; Baumgardt, J. (2025): Krankheitsbedingte Fehlzeiten in der deutschen Wirtschaft im Jahr 2024. In: Badura, B. et al. (Hrsg.): Fehlzeiten-Report 2025. Berlin, Heidelberg: Springer. Datenbasis: rund 15 Mio. erwerbstätige AOK-Mitglieder. https://doi.org/10.1007/978-3-662-71885-8_24
- [2] Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG), § 3 Grundpflichten des Arbeitgebers, § 4 Allgemeine Grundsätze und § 5 Beurteilung der Arbeitsbedingungen. https://www.gesetze-im-internet.de/arbschg/
- [3] Bundesärztekammer (BÄK); Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV); Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2017): Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz – Langfassung, 2. Auflage. https://www.leitlinien.de/themen/kreuzschmerz
- [4] World Health Organization (2020): WHO guidelines on physical activity and sedentary behaviour. Genf: WHO. https://www.who.int/publications/i/item/9789240015128
Alle Grafiken sind eigene Darstellungen auf Basis der jeweils genannten Quelle. Werte sind gerundet wie in der Originalquelle angegeben.